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Initiative zum gemeinsamen Werben und Fördern von Personen, die im Pflege-, Behinderten- und Sozialbereich tätig sein wollen
In Aktuell
Fair und Sensibel Austria
21. Okt. 2021
Projekt Österreichischer Integrationspreis 2021 Titel des Projekts: „Dialogforum Pflege & Integration – Ein Lösungsansatz für die Zukunft?“ Art der Organisation: „Schule“ Kategorie: „Beschäftigung und Arbeitsmarkt“ Beginn des Projekts: Februar 2016 Zielgruppe des Projekts: „Erwachsene ab 18 bis 62 Jahre“ + „Jugendliche ab 12 bis 18 Jahre“ Zusammensetzung der Projektgruppe: „Gemischte Gruppe“ Anzahl der teilnehmenden Personen: rund 500 Anzahl der Teilnehmenden mit Migrationshintergrund: rund 100 Website Projekt: https://www.fairundsensibel.at/forum/aktuell/initiative-zum-gemeinsamen-werben-und-fordern-von-personen-die-im-pflege-behinderten-und-sozialbereich-tatig-sein-wollen-1 Stundenausmaß: mehr als 5000 Projektbeschreibung und Methodik Vorgeschichte und Entstehung des Projekts Initialzündung für das Projekt war ein Gespräch zwischen der Pflegerischen Leiterin der SOB – Schule für Sozialbetreuungsberufe und Pflegeassistenz – Mistelbach, Frau Gabriele Wagner, und dem Leiter der Übergangklasse im Bundesschulzentrum Mistelbach im Frühjahr 2016. Ein Asylwerber aus Afghanistan wollte damals unbedingt eine Ausbildung im Pflegebereich machen und die Ausbildung an der SOB bot diese Möglichkeit. Frau Wagner hat dieses Vorstellungsgespräch bis heute nicht vergessen: „Ich hatte einen Menschen vor mir, bei dem man nicht nur Angst und Unsicherheit, sondern auch Schmerz und tiefste Verzweiflung spürte. Ich war zutiefst berührt.“ Der Asylwerber wurde für das Schuljahr 2016/17 in die Ausbildung aufgenommen und dies war der Startschuss eines Integrationsprojekts, das als solches nicht von Anfang an so klar erkannt wurde. Schon ab dem Sommer 2016 war auch Oberst Josef „Joe“ Böck im Boot, ein Polizist mit langjähriger Erfahrung in der Integration von Migrant*innen und Asylwerber*innen – Ansprechpartner, Helfer und Begleiter durch alle Phasen des Prozesses. Im September 2016 begann eine turbulente Zeit mit vielen schönen und berührenden Momenten, aber auch mit sehr dunklen Stunden und herausfordernden bis überfordernden Situationen, die jedoch nicht aufgrund der Integration der Asylwerber*innen und Migrant*innen entstanden, sondern infolge von negativen Asyl- und Aufenthaltsbescheiden. Anlässlich dieser schwierigen Entwicklungen formierte sich rund um die SOB ein Kreis ganz verschiedener Menschen, die seither unter dem Motto „Wir sind das Miteinander“ zusammenhalten, zusammenhelfen und zusammenarbeiten. Es entstanden tiefe freundschaftliche Beziehungen und ein tragfähiges Netzwerk, das eine Win-win-Situation für alle Beteiligten darstellt. Als gemeinsames Ziel kristallisierte sich das Hauptanliegen und gleichzeitig der Ansatzpunkt des Projekts „Dialogforum Pflege & Integration – Ein Lösungsansatz für die Zukunft?“ heraus – nämlich Menschen, die sich nach ihrer Flucht aus Kriegsgebieten für eine Ausbildung in der Pflege und Betreuung von alten, pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen entscheiden und diesen Mangelberuf, in dem händeringend nach Arbeitskräften gesucht wird, auch ausüben wollen, die Sicherheit einer Aufenthaltsberechtigung zu gewähren. Ansatzpunkt für das weitere Vorgehen: Die Idee der Projektteilnehmer*innen ist ein Programm, in dem Interessierte – egal welchen Alters, welcher Herkunft, welcher Vorbildung – und auch arbeitslose Menschen und Quereinsteiger*innen im ersten Schritt dazu animiert werden sollen, ehrenamtlich – ähnlich wie Zivildienstleistende oder Freiwillige des Sozialen Jahres – in den Pflegeberuf hineinzuschnuppern und ihnen so zu ermöglichen, in die Tätigkeit und die Arbeitsteams hineinzuwachsen, um bestmöglich abschätzen zu können, ob dieser Bereich für sie der richtige ist. Durch diese Vorgehensweise ergibt sich schon in dieser ersten Phase eine Win-win-Situation, die sichtbar und spürbar wird für ► ... die zu betreuenden Personen, die Zuwendung und menschliche Wärme erfahren, besonders bei Aktivitäten, die in der 1:1-Betreuung zu leisten sind ► ... für das arbeitende, weit unterbesetzte und oftmals „ausgepowerte“ Personal, in Form von Unterstützung und Entlastung ► ... für die vorerst ehrenamtlich Tätigen, die Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln können, soziale Einbindung erfahren, neue Lebensperspektiven finden, den Selbstwert stärken und denen sich nicht zuletzt eine neue Jobperspektive eröffnet und ► für die österreichische Gesellschaft im Allgemeinen, da speziell im Fall von Asylwerber*innen durch die sinnvolle Beschäftigung und die Betreuung, die durch Begleiter*innen geleistet wird, auch gute kontinuierliche und nachhaltige Kontrolle ausgeübt werden kann. Kann durch diese ehrenamtliche Arbeit eine Eignung des bzw. der Interessent*in für den Beruf festgestellt werden, soll im zweiten Schritt der Start in die Ausbildung erfolgen, nach deren Abschluss im dritten Schritt eine Beschäftigung in einer Pflegeeinrichtung und damit auch ein Aufenthalt in Österreich ermöglicht wird. An den Beginn der Ausbildung soll die Verpflichtung geknüpft sein, den Beruf der Pflegeassistenz und Fachsozialbetreuung nach Abschluss für mindestens fünf Jahre auszuüben. Auch im Regierungsprogramm 2020 – 2024 ist im Punkt „Pflege“ (Seite 242 bis 247 des Regierungsprogramms) eine „Pflegeoffensive sowie Erweiterung und Flexibilisierung des Ausbildungsangebots“ (S. 243) vorgesehen und weiters beschrieben, dass einer der Schwerpunkte der Offensive die Unterstützung von ZuwanderInnen und Zuwanderern in Form von Migrants-Care-Programmen sein soll (vgl. S. 246). Unser Projekt kann als Teil dieser Personaloffensive eingestuft werden. Ziel des Projekts Ziel des Projektes ist es zunächst, Wege zu finden, mit unseren bisher gemachten Erfahrungen und der dadurch entstandenen, oben beschriebenen Idee, Entscheidungsträger*innen aus den Bereichen Politik, Pflegemanagement und Arbeitsmarkt zu erreichen, das Gespräch und gezielten Erfahrungsaustausch zu suchen, gemeinsam konkrete Umsetzungsschritte zu planen und Strategien zu entwickeln, um im Sinne der österreichischen Gesellschaft die Ausbildung von Pflegekräften auf diese Weise zu unterstützen. Ziel ist es auch, auf diese Weise einen Beitrag zur oben beschriebenen Personaloffensive zu leisten, der aus unserer Erfahrung heraus sehr sinnvoll, bereichernd und zielführend ist. Bisherige Erfolge: Seit dem Schuljahr 2016/17 haben insgesamt 18 Lehrgangsteilnehmer*innen aus Nigeria, Kenia, dem Irak, Afghanistan, Pakistan und der Dominikanischen Republik die Ausbildung abgeschlossen, der Großteil von ihnen arbeitet bereits bzw. darf arbeiten. Sieben Schüler*innen aus Ghana, Kenia, Afghanistan und Syrien befinden sich in laufender Ausbildung. Die Teilnehmer*innen waren bzw. sind teilweise noch im Asylverfahren, teilweise hatten bzw. haben sie schon Aufenthaltsberechtigungen, teilweise erhielten sie während der Ausbildung positive oder negative Bescheide. Besonders die negativen Gerichtsentscheidungen waren ein schwerer Schock für alle Beteiligten – für die Betroffenen selbst, für ihre Weg- und Lernbegleiter*innen, ihre Lehrer*innen, Praktikumsbegleiter*innen und Schulkolleg*innen. Gleichzeitig entstand dadurch ein sehr intensiver Zusammenhalt, in dem alle gemeinsam daran arbeiteten, für die Betroffenen doch noch einen Aufenthaltsstatus zu erreichen. Mit sehr viel Geduld, Ausdauer, Zivilcourage, Zusammenarbeit mit dem AMS und Rechtsvertretungen, Vernetzungen, persönlichen Recherchen, gegenseitigem Unterstützen, Wiederaufrichten und Mut zusprechen und unzähligen Einsatzstunden, in denen der Weg bis zum Verwaltungsgerichtshof und in Asylfolgeverfahren führte, gelang dies in mehreren Fällen – Argument dafür waren einerseits die gute Integration und andererseits die Selbsterhaltungsfähigkeit, die die abgeschlossene Ausbildung gewährleistet. Nicht zu vergessen und auch nicht zu unterschätzen ist hier jedoch, die enorme Kraftanstrengung, die ein derartiger Prozess von allen Beteiligten abverlangt. Der Gedanke, einen liebgewonnen Menschen zu verlieren, der sich nach traumatisierenden Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht mit all seiner Kraft auf die Ausbildung einlässt, fachlich erstaunlich gut entwickelt, Freundschaften und innige Beziehungen schließt und den Menschen, die er betreut, so viel Wärme, Menschlichkeit und Herzlichkeit entgegenbringt, lässt große Verzweiflung verspüren, und führt dazu – auch in Anbetracht des Pflegekräftemangels in Österreich – die Welt nicht mehr zu verstehen. Diese Erfahrungen sind eine große Triebfeder dafür, unser Projekt weiterzuverfolgen. Wir alle erhoffen uns dadurch, solche Situationen nicht mehr erleben zu müssen. Unsere Haltung zum Gedanken der Integration: Integration ist für uns nicht nur ein Wort, sondern ein aktives Tun, ein Begegnen – mit Interesse, Respekt und Wohlwollen und mit der Bereitschaft zu unterstützen und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Integration beschreibt auch den Mut, sich auf Fremdes, Neues einzulassen und sich mit Offenheit und Neugierde Schritt für Schritt entgegenzukommen. Durch diesen Mut hat sich ein großes Netzwerk gebildet und das Besondere an unserem Projekt ist, dass es „im Gehen entstanden“ ist. Die Schritte wurden zu Beginn nicht vorausgeplant, sondern ergaben sich daraus, dass Menschen zusammentrafen, die – jede/r für sich und schließlich miteinander – mit Menschlichkeit, Liebe und auch Tatkraft auf entstehende Situation reagierten und versuchten, sie zum Guten zu wenden. Jede/r ist gleichberechtigter Teil in diesem Prozess und es entstand durch diese Haltung und daraus resultierende Vorgehensweise ein wunderschönes und tragfähiges Netzwerk, von dem alle profitieren können. Auch unter den Österreicher*innen sind sehr viele wunderbare Freundschaften entstanden, zwischen Menschen, die sich – hätte es die Asylwerber*innen und Migrant*innen in der Ausbildung nicht gegeben – niemals oder zumindest nicht so intensiv kennengelernt hätten. Beteiligte am Projekt: Es gibt sehr viele Menschen, die in den letzten fünf Jahren daran beteiligt waren und dazu beigetragen haben, dass Asylwerber*innen und Migrant*innen die Pflegeausbildung an der SOB absolvieren bzw. abschließen konnten und können. Jede/r von ihnen ist ein wichtiges Zahnrad in dem Prozess und es ist eine herausfordernde Aufgabe, hier auf niemanden zu vergessen. Eine demonstrative Aufzählung der beteiligten Personen und Organisationen findet sich im Folgenden, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt: § Fr. Gabriele Wagner, Pflegerische und Lehrgangsleiterin der SOB – Schule für Sozialbetreuungsberufe und Pflegeassistenz und ihr Lehrerkollegium § Hr. Oberst Josef Böck, Polizist und Vertreter des Gemeinnützigen Vereins „Fair und Sensibel Österreich – Polizei und Afrikaner*innen § Fr. Ursula Bahringer, Leiterin der Kolping Wohnhaus und Werkstätte für Menschen mit Behinderung Mistelbach § Alle Lehrgangsteilnehmer*innen der SOB – Österreicher*innen, Migrant*innen und Asylwerber*innen § Weg- und Lernbegleiter*innen der einzelnen Asylwerber*innen wie z.B. Marianne und Stefan Strasser, Nicole Redl und Michael Reiter, Petition: „Bleiberecht für Abu - Abu muss bleiben“, Dr. Maria Elisabeth Bauer, Susanne Gruber – in Vertretung der vielen helfenden Hände § Nationalrätin Melanie Erasim § Nationalrat Rudolf Silvan § Clemens Mechtler vom GÖD/VIDA und AK NÖ § SPÖ-Gemeinderat, Gemeinderatsvorsitzender und parlamentarischer Mitarbeiter Stefan Hinterberger § Martina Pürkl, Grüne Stadträtin in Mistelbach § Haus der Barmherzigkeit Poysdorf § Vitusheim Laa/Thaya § ... § Klosterneuburg-Hilft § Assistenz 24 § Inklusion 24 § Institut Best § Afrikanischer gemeinnütziger Verein „Ghana Minstrel Choir“ § Türkischer gemeinnütziger Verein „BSKI-BildungSozialesKulturIntegration-Kidspower“ § Afghanischer gemeinnütziger Verein „Neuer Start“ § Gemeinnütziger Verein „Transdanubien“ § RGZ Care KG § AMS NÖ § AMS Wien § www.fairundsensibel.at § www.kolping.at § www.sobmi.at Persönliche Stimmen: Zum Abschluss der Projektbeschreibung sollen nun einigen beteiligte Personen zu Wort kommen, um spürbar zu machen, was es bedeutet, Asylwerber*innen in einem derartigen Projekt zu begleiten. Es soll gleichzeitig zeigen, dass Integration auf der einen Seite ein Prozess ist, der nur gelingen kann, wenn beide Kulturen aufeinander zugehen und auf der anderen Seite eine große Bereicherung und ein gegenseitiges „Voneinanderlernen“ ist, das wunderschöne Beziehungen entstehen lässt. Susanne Gruber: „Ich bin Sozialpädagogin, arbeite derzeit als Jugendcoach in verschiedenen Schulen rund um Mistelbach und war davor als Behindertenbetreuerin bei Kolping Mistelbach beschäftigt. Bei einem Praktikum im Rahmen meiner Ausbildung lernte ich viele Asylwerber*innen, darunter auch meinen afghanischen Sohn kennen. Ich ging von Anfang an mit großer Offenheit und viel Neugierde auf die Menschen mit dieser fremden Kultur zu. Ich ließ mich von ihren Geschichten berühren, von ihrer Wissbegier überraschen, von ihrer Hilfsbereitschaft beeindrucken und von ihrer Lebensfreude anstecken. Ich habe meinen Sohn während seiner Ausbildung an der SOB und dem gesamten Asylverfahren begleitet, das in seinem Fall durch insgesamt fünf Instanzen führte und dessen Weg von zahlreichen schwierigen Situationen gepflastert war. Doch sein großes Herz, seine Geduld, sein Glaube an das Gute und seine Liebe haben mir geholfen, gemeinsam mit ihm und einem ganzen Netzwerk an Unterstützer*innen Schritt für Schritt weiterzugehen bis er schließlich, nach fünfeinhalb Jahren, im Folge-Asylverfahren seine Aufenthaltsberechtigung bekam und nun als Behindertenbetreuer und Pflegeassistent arbeitet. So schwierig die Begleitung zeitweise war, wird sie überstrahlt von den schönen Momenten, von meinem Stolz darüber, welch guten Platz er hier gefunden hat und wie gut er seine Arbeit macht und von meiner Freude darüber, durch ihn so viele wunderbare Freunde gefunden zu haben. Es ist mir ein sehr großes Anliegen, dieses sinnstiftende Projekt weiterhin zu unterstützen und daran zu arbeiten, dass Asylwerber*innen und Migrant*innen, die den Beruf des/der Pflegeassistent*in erlernen und ausüben möchten, die Chance auf eine Aufenthaltsberechtigung bekommen. Sie haben das, was wir brauchen – führen wir es zusammen.“ Abubaker Khan: „Mein Herkunftsland ist Pakistan. Heute fasse ich meine Erfahrungen, die ich seit 2015 in Österreich gemacht habe, zusammen. Mein Schreiben ist in der Sprache, mit der ich vor fünf Jahren angefangen habe zu sprechen und die mir heute so vertraut ist, dass ich meine Probleme für den Alltag schriftlich lösen kann und mit meinem Umfeld kommunizieren kann. Meine Ankunft in Österreich war nicht nur eine Ankunft, sondern auch ein Eintritt in ein Kampffeld. Ein Kampffeld, welches für mich völlig fremd war. Ich habe lernen müssen die Sprache, Kultur, die Mentalität der Gesellschaft und der Menschen, die hier leben, kennenzulernen und in mein eigenes Sich selbst zu integrieren und wiederzufinden. Es wäre für mich ganz hart gewesen, wenn ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte, mit der SOB Schule Mistelbach anzufangen. Wie hätte ich sonst Freunde finden können? Wie hätte ich die Gesellschaft kennenlernen und wie hätte ich mich für die Arbeitswelt vorbereiten können? Für mich war die SOB Schule Mistelbach die einzige Möglichkeit, um mich in die Gesellschaft zu integrieren und um eine mögliche Heimat zu finden. Mir wurde nicht nur eine Integration ermöglicht, sondern auch die Möglichkeit geboten, einen schönen Beruf, in dem ich Menschen begleite und mit ganz harten Aufgaben zu tun habe, geschaffen. Ich wünsche mir für alle Menschen, mehr Integrationsmöglichkeiten in Hinsicht auf Ausbildung, Sprache und Sport mit den hier lebenden Menschen, weil dann fällt es mir leicht, die Logik der Dinge zu verstehen. Ich bin ein soziales Wesen und ich brauche soziale Kontakte. Ich hoffe in Zukunft für die Menschen mit Migrationshintergrund auf mehr Integrationsmöglichkeiten und auf ein gerechteres Miteinander.“ Gabriele Wagner: „Zur Frage, warum ich das mache: weil es für Österreich ein Verlust wäre, wenn ich und viele andere Schulen im Pflegesektor es nicht machen würden. Pflege und Betreuung von Menschen, ob krank, pflegebedürftig, körperlich und geistig eingeschränkt, sterbend, ... ist ein Beruf, den heute viele ÖsterreicherInnen nicht machen möchten oder können. Der Beruf hat viele sehr schöne Seiten, aber er ist auch aufreibend, (körperlich, psychisch und geistig) anstrengend und vor allem setzt er soziale, geistige und körperliche Kompetenzen voraus. Pflegen kann nicht jeder!!! Und nicht alle sind dafür geeignet. Wir brauchen Pflegekräfte. Ganz dringend. Ob aus Österreich. Oder aus anderen Ländern. Gelungene Integration beginnt für mich wie am Beispiel von einer Absolventin aus Niederösterreich. Sie wurde in Falkenstein im Weinviertel total inkludiert. Die Menschen haben sie abwechselnd nach Mistelbach zur Schule und in die Praktikumsstellen gebracht, sie haben mit ihr gelernt, sie haben sie kennengelernt und dadurch ist gelungene Inklusion entstanden. Mir tut das Herz weh, wenn ich an all die Menschen denke, die diese Möglichkeiten nicht haben. Die keine österreichische Familie kennengelernt haben. Die nicht eine Ausbildung in einer Schule wie unsere gemacht haben. Die nicht, wie ein Absolvent aus Nigeria, eine österreichische Adoptivmutter mit einem Herz einer Löwin haben. Die um ihren Sohn bis zum letzten kämpft. Denn nur so geht Integration. Integration ist für mich in den kleinen und großen Dingen. Indem ich das Schulgeld übernehme. Indem ich mit diesen Menschen Kontakt habe. Indem ich Gespräche führe. Feststelle, dass dieser Mensch ein Herz hat, dass meinem ähnlich ist. Er eine Seele wie meine hat. Und er auf dieser Welt geboren wurde. Denn wir alle sind Kinder dieser Erde! Damit Zahlen auch Gesichter bekommen: Ausbildung abgeschlossen und zurzeit arbeitend: Roqia Q. - Geburtsort Afghanistan - Haus der Barmherzigkeit Mohammad M. R. - Geburtsort Afghanistan - Kolping Mistelbach Mahdi A. - Geburtsort Afghanistan - Krankenhaus Wien Ali Zia G. - Geburtsort Afghanistan - Kolping Poysdorf Mohammad S. - Geburtsort Afghanistan - Kolping Mistelbach Humphrey O. - Geburtsort Nigeria - Krankenhaus Wien Arabzad S. B. - Geburtsort Afghanistan - Pflegeheim Wien Mohammad F. - Geburtort Afghanistan - Pflegeheim Wien Hassan R. H. - Geburtsort Afghanistan - Pflegeheim Wien Abdul B. Z. - Geburtsort Afghanistan - Pflegeheim Mistelbach“ Ursula Bahringer: Wir haben einen Fachkräftemangel, wir haben einen Mangel an Pflegekräften. Ja, dieser Mangel ist auch in der Betreuung von behinderten Menschen bereits spürbar und angekommen. Es gibt Tätigkeiten, die zeitlich hinausgeschoben werden können, weil sie zwar wichtig, aber nicht dringend sind. In der Pflege und Betreuung von Menschen geht das nicht. Die Arbeiten können nicht hinausgeschoben werden, sie können lediglich qualitativ schlechter gemacht werden: schneller, oberflächlicher, weniger Bedürfnisse können Beachtung finden, etc. Schön ist es immer, MitarbeiterInnen zu finden, die fachlich und menschlich für die schwierige Arbeit in der Betreuung, Begleitung und Pflege von behinderten und institutionell abhängigen Menschen geeignet sind. Die Besonderheit bei der Einstellung von Asylwerbern, die Schulabgänger mit fachspezifischer Ausbildung sind und für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung persönliche Kompetenz mitbringen, wie Interesse und Motivation, Einsatz und Umsicht, Lernbereitschaft und Kritikfähigkeit sowie die Fähigkeit, sich in der Gemeinschaft einzufügen, ist, dass sich das Bemühen und die Sorge für ein legales Beschäftigungsverhältnis von Seiten des Arbeitgebers sehr mühsam gestaltet. Anders als bei anderen BewerberInnen wird für die Einstellung eines solchen Mitarbeiters ein spezielles Wissen benötigt bzw. Unterstützung durch erfahrene Gleichgesinnte. Es braucht mehr Zeit und ein Einlassen auf Unsicherheit gegeben durch Behörden. Bei uns in den Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen von Kolping Österreich im Weinviertel ist die reguläre Anstellung und die Integration von bislang drei fachlich und menschlich qualifizierten Asylwerbern dank „Wir sind das Miteinander“ gelungen. Unsere Arbeitsteams sind um drei Mitarbeiter reicher geworden, die geschätzt sind und geschätzte Arbeit verrichten. Wir möchten sie nicht missen Menschen mit Behinderung Weitere Texte
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25. März 2021
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